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Umstrittener VAR-Platzverweis: Die Diskussion um die Rote Karte gegen Quansah

Natalia Schubert
| veröffentlicht am: 06.07.26
geprüft von Sebastian Vierheim | 3 Min. Lesezeit

Schiedsrichter Alireza Faghani hatte die Szene im Spiel gar nicht als Foul gewertet, erst der Videobeweis brachte Jarell Quansah die Rote Karte ein. Während England-Trainer Thomas Tuchel nach dem 3:2 gegen Mexiko mit dem Schiedsrichter-Team abrechnete, kam der lauteste Widerspruch ausgerechnet aus dem eigenen Lager. Für das Viertelfinale gegen Norwegen fehlt der Leverkusener zunächst so oder so.

Es war der Wendepunkt eines ohnehin verrückten Achtelfinals im Aztekenstadion: In der 54. Minute grätschte Quansah gegen Jesús Gallardo, traf zwar den Ball, rauschte aber mit gestreckter Sohle gegen das Schienbein des Mexikaners. Faghani ließ zunächst weiterspielen, wurde dann vom Videoassistenten an den Monitor gebeten und entschied nach Ansicht der Bilder auf Rot. England spielte fortan in Unterzahl, rettete den Sieg aber über die Zeit.


Tuchels Frontalangriff: Standbild-Vorwurf und Kritik an der VAR-Besetzung

England-Trainer Tuchel ließ nach Abpfiff bei der BBC keinen Zweifel an seiner Sicht: Die Schiedsrichter seien „nicht gut genug“ gewesen, ebenso die weiteren Offiziellen, das sei „das Kernproblem“. Am Platzverweis störte ihn vor allem die Art der Überprüfung: Auf der Videoleinwand sei ein Standbild eingeblendet worden, und er hoffe wirklich, dass die Rote Karte nicht auf dessen Grundlage verhängt worden sei. Aus seiner Sicht war es „keine Rote Karte“, Quansah sei „sehr geknickt“.

Brisanz bekam die Kritik durch einen zweiten Punkt: Tuchel monierte, dass bei einem solchen Spiel drei VAR-Mitglieder aus Südamerika im Einsatz gewesen seien. Tatsächlich saßen laut t-online mit dem Kolumbianer Nicolás Gallo, dem Chilenen Juan Lara und dem Venezolaner Juan Soto drei Südamerikaner im Video-Team der Partie. Auch den Elfmeter gegen Harry Kane, der Brian Gutiérrez bei einem Klärungsversuch auf die Ferse getreten hatte, hielt Tuchel für keinen klaren und offensichtlichen Fehler des Feldschiedsrichters und damit für keinen zulässigen VAR-Eingriff.


Gegenwind aus dem eigenen Lager: „Quansah musste zurecht vom Platz“

Bemerkenswert an der Debatte: Im englischen Lager steht Tuchel mit seiner Bewertung weitgehend allein. Wie Sport1 berichtet, bewertete ein früherer Referee das Einsteigen als „eindeutige Rote Karte“, und auch Ex-Nationaltorhüter Joe Hart urteilte klar: „Quansah musste zurecht vom Platz.“

Regeltechnisch sprechen die etablierten Kriterien für die Entscheidung: Ein Einsteigen mit gestreckter Sohle, hohem Tempo und Treffpunkt am Schienbein erfüllt die Merkmale des groben Foulspiels, die vorherige Ballberührung schützt dabei ausdrücklich nicht vor einem Platzverweis. Dass Faghani die Szene im laufenden Spiel übersehen hatte, ist zudem der klassische Anwendungsfall des Videobeweises, nicht dessen Überdehnung. Angreifbarer ist Tuchels zweiter Kritikpunkt: Ob der Kane-Elfmeter die Eingriffsschwelle des klaren und offensichtlichen Fehlers erreichte, wird auch unter Regelexperten unterschiedlich bewertet.


Sperren-Frage mit Präzedenzfall: Der Fall Balogun macht den Ausgang offen

Sportlich steht zunächst fest: Quansah fehlt England im Viertelfinale gegen Norwegen am Samstag (23:00 Uhr deutscher Zeit) in Miami. Ob es bei einem Spiel bleibt, entscheidet die FIFA-Disziplinarkommission, und die hat bei diesem Turnier bereits für Aufsehen gesorgt: Die Sperre des US-Amerikaners Folarin Balogun nach einer durchaus vergleichbaren Roten Karte wurde zuletzt auf Bewährung ausgesetzt, was laut t-online erheblichen Wirbel auslöste. Eine Prognose für den Fall Quansah verbietet sich damit in beide Richtungen.

Für Tuchel kommt die Personalie zur Unzeit: Neben dem gesperrten Verteidiger bangt England um Jordan Henderson, der sich ausgerechnet beim Torjubel nach dem Abpfiff verletzte. Gegen Erling Haalands Norweger, die Brasilien mit 2:1 ausschalteten, muss die Defensive der Three Lions also umgebaut werden, ausgerechnet vor dem Duell mit dem formstärksten Mittelstürmer des Turniers. Alle Entwicklungen zur K.o.-Phase finden sich laufend im Magazin, die Ergebnisse im Live-Score-Bereich.

Natalia Schubert - Sportjournalistin |
Natalia Schubert Natalia Schubert ist Fußballanalystin und Sportjournalistin mit über zwölf Jahren Erfahrung in der datenbasierten Spielanalyse. Sie studierte Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln und arbeitet mit professionellen Analyseplattformen wie Wyscout, InStat und Opta. Bei wetttippsheute.net verantwortet sie taktische Spielvorschauen, Hintergrundanalysen und die statistische Einordnung von Partien aus der Bundesliga, Champions League und weiteren internationalen Wettbewerben. Pro Saison verfolgt und analysiert sie über 300 Spiele.
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