Seit der Videobeweis den Fußball regiert, wird häufiger auf den Punkt gezeigt, messbar, dauerhaft und quer durch alle Wettbewerbe. Das Rekordturnier 2018 mit 29 Elfmetern war kein Ausreißer, sondern der Auftakt einer neuen Grundrate, wie Langzeitdaten aus der Bundesliga belegen. Für Wettende verschiebt das gleich mehrere Märkte, und wer Strafstoß-Wahrscheinlichkeiten noch mit der Intuition der Vor-VAR-Zeit bepreist, liegt systematisch daneben.
Das Achtelfinale zwischen Mexiko und England lieferte das Anschauungsmaterial im Doppelpack: Erst verwandelte Harry Kane einen klaren Strafstoß, dann brachte der Videoassistent eine Szene zurück, die Schiedsrichter Alireza Faghani im Spiel gar nicht geahndet hatte, und Raúl Jiménez traf vom Punkt. Zwei Elfmeter in einem K.o.-Spiel, einer davon ohne VAR undenkbar. Genau dieser Mechanismus hat die Strafstoß-Statistik des Weltfußballs verändert.
Die Datenlage: Rekordturnier 2018 und die Langzeitreihe aus der Bundesliga
Die erste WM mit Videobeweis lieferte 2018 in Russland mit 29 Strafstößen den bis heute gültigen Turnierrekord, deutlich mehr als je zuvor. Dass es sich nicht um einen einmaligen Effekt handelte, zeigt die längste verfügbare Vergleichsreihe: Laut einer Sportschau-Analyse der Bundesliga-Daten seit 2005/06 gab es vor Einführung des Videoassistenten keine einzige Saison mit 100 oder mehr Elfmetern, seitdem bereits drei. Die laufende Spielzeit steuert mit 0,37 Strafstößen pro Spiel sogar auf einen neuen Höchstwert zu, die bisherigen Spitzenwerte von 0,36 stammen ebenfalls aus VAR-Jahren.
Die Spannweite macht den Effekt greifbar: In der Saison 2009/10 wurden ligaweit 55 Strafstöße verhängt, in der VAR-Saison 2020/21 mehr als doppelt so viele. Schon die ersten beiden Spielzeiten mit Videoassistent lagen über fast allen Vor-VAR-Jahren. Der Befund ist eindeutig: Der Videobeweis hat die Elfmeter-Grundrate nicht kurzfristig, sondern strukturell angehoben.
Warum der VAR die Rate dauerhaft hebt: Übersehenes wird nachträglich geahndet
Der Mechanismus dahinter ist simpel. Vor dem Videobeweis blieb jedes vom Schiedsrichter übersehene Strafraumvergehen folgenlos, verdeckte Trikotzieher, Tritte im Getümmel, Handspiele im toten Winkel. Heute wird ein relevanter Teil dieser Szenen nachträglich erfasst, der Jiménez-Elfmeter gegen England ist der Prototyp: kein Pfiff im Spiel, Eingriff aus dem Videokeller, Strafstoß. Der VAR erzeugt keine neuen Fouls, er beendet die systematische Untererfassung der alten.
Der theoretische Gegeneffekt existiert ebenfalls: Verteidiger wissen um die Kameras und haben das Halten und Zerren bei Standards reduziert, was die Rate langfristig dämpfen müsste. Die Langzeitdaten zeigen jedoch, dass dieser Abschreckungseffekt den Erfassungseffekt bislang nicht aufwiegt, die VAR-Jahre bleiben durchweg die elfmeterreichsten des Beobachtungszeitraums. Für die Wettpraxis heißt das: Die höhere Grundrate ist der neue Normalzustand, nicht eine Anomalie, die sich zurückbildet.
Welche Märkte sich verschoben haben: Vom Spezialmarkt bis zum Torschützen
Am direktesten betroffen ist der Spezialmarkt auf einen Elfmeter im Spiel, dessen faire Wahrscheinlichkeit mit der Grundrate steigt, besonders in Partien mit hoher Strafraum-Frequenz, tief verteidigenden Teams und vielen Standards. Subtiler, aber für die Praxis wichtiger ist der Effekt auf die Torschützen-Märkte: Designierte Elfmeterschützen sammeln im VAR-Zeitalter einen wachsenden Teil ihrer Tore vom Punkt. Die Bundesliga liefert die Extremwerte, Nadiem Amiri erzielte sieben seiner neun Saisontore per Strafstoß, Harry Kane traf achtmal vom Punkt. Und bei dieser WM war Kylian Mbappés Elfmeter gegen Paraguay das einzige Tor des Spiels, der Strafstoß als Matchwinner-Weg des Favoriten gegen verriegelte Gegner.
Wer Spielerwetten kalkuliert, sollte die Schützen-Hierarchie deshalb wie eine harte Information behandeln: Der erste Elfmeterschütze eines Favoriten trägt einen strukturellen Quotenvorteil im Torschützenmarkt, der über den reinen Spielanteilen liegt. Auch die Tormärkte verschieben sich messbar, wenn auch moderater, denn jeder zusätzliche Strafstoß bringt rechnerisch rund 0,8 erwartbare Tore in ein Spiel. Welche Spezial- und Spielermärkte sich dafür anbieten, zeigt der Überblick zu den Wettarten im Fußball.
Grenzen der These: Varianz, Rücknahmen und ein Markt, der mitgelernt hat
Drei Einschränkungen gehören in jede seriöse Rechnung. Erstens bleiben Elfmeter seltene Ereignisse: Selbst bei erhöhter Grundrate enthält die Mehrzahl der Spiele keinen Strafstoß, und Turnier-Stichproben sind zu klein, um aus wenigen Spielen einen Trend zu lesen. Zweitens arbeitet der VAR in beide Richtungen, er schenkt nicht nur Elfmeter, er nimmt auch fälschlich gegebene zurück, was den Nettoeffekt dämpft. Drittens ist die Verwandlung keine Formsache: Auch Weltklasse-Schützen scheitern regelmäßig, Lionel Messi verschoss bei drei Weltmeisterschaften in Folge jeweils einen Strafstoß, zuletzt bei diesem Turnier gegen Österreich.
Die wichtigste Einschränkung betrifft die Quoten selbst: Der Markt hat die VAR-Ära nicht verschlafen, die Basispreise für Elfmeter-Märkte liegen heute spürbar niedriger als vor 2018. Pauschaler Value existiert deshalb nicht mehr, wohl aber in den Teilmärkten, in denen Kontextwissen den Unterschied macht, etwa bei der Schützen-Identität nach Personalwechseln, bei hitzigen Duellen mit hoher Strafraum-Aktivität oder bei Teams, deren Spielstil überdurchschnittlich viele Strafraumkontakte erzwingt. Wie sich solche Nischen systematisch finden lassen, beschreibt der Ratgeber zur Value-Strategie bei Sportwetten.
Was für die Wettpraxis bleibt: Drei Verschiebungen, die eingepreist gehören
Erstens: Die Elfmeter-Grundrate des VAR-Zeitalters liegt dauerhaft über der historischen, wer mit alten Bauchwerten kalkuliert, unterschätzt Strafstoß-Szenarien systematisch. Zweitens: Der größte praktische Hebel liegt nicht im Elfmeter-Spezialmarkt, sondern bei den designierten Schützen in den Torschützen- und Scorer-Märkten, deren Punktquote ein wachsender, planbarer Teil ihres Outputs ist.
Drittens: Der Effekt ist Kontext, kein Selbstläufer. Ein Elfmeter bleibt ein seltenes Einzelereignis mit hoher Varianz, und die Buchmacher kennen dieselben Statistiken. Der Vorteil entsteht dort, wo die allgemeine Ratenverschiebung auf spielspezifisches Wissen trifft, im Azteca-Achtelfinale etwa auf die Kombination aus aufgeheizter Atmosphäre, Dauerdruck des Gastgebers und einem Videoteam, das jede Strafraumszene seziert. Zwei Elfmeter später wussten alle Beteiligten, warum.
Häufige Fragen zu Elfmetern und Wettmärkten im VAR-Zeitalter
Wie häufig gibt es im Profifußball einen Elfmeter pro Spiel?
In der Bundesliga liegt die Rate im VAR-Zeitalter bei bis zu 0,37 Strafstößen pro Spiel, also etwa einem Elfmeter alle drei Partien. Vor Einführung des Videobeweises lag der Wert spürbar darunter, keine Vor-VAR-Saison seit 2005/06 erreichte 100 Strafstöße.
Wie hoch ist die Verwandlungsquote bei Elfmetern?
Über große Stichproben werden rund drei Viertel bis vier Fünftel aller Strafstöße verwandelt. Selbst Top-Schützen scheitern also regelmäßig, weshalb ein zugesprochener Elfmeter rechnerisch etwa 0,8 erwartbare Tore bedeutet, nicht ein sicheres.
Zählt ein Elfmeterschießen für Elfmeter-Wettmärkte?
In der Regel nicht. Märkte auf einen Elfmeter im Spiel beziehen sich üblicherweise auf Strafstöße während der regulären Spielzeit, das Elfmeterschießen nach einer Verlängerung ist ein eigenes Ereignis mit eigenen Märkten. Maßgeblich sind die Abrechnungsregeln des jeweiligen Anbieters.






















