Ein 37-jähriger Zweitliga-Torhüter hext sich in die WM-Geschichtsbücher, Kap Verde erreicht ohne einen einzigen Sieg die K.o.-Runde, und zwei Co-Gastgeber beenden die Vorrunde ohne Gegentor. Die Gruppenphase der ersten 48er-WM hat statistische Ausreißer produziert, wie sie das alte Format kaum hervorbringen konnte.
104 Spiele statt 64, zwölf Gruppen statt acht, dazu erstmals ein Sechzehntelfinale: Die XXL-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada ist auch ein riesiges Datenexperiment. Mehr Spiele bedeuten mehr Gelegenheiten für Extremwerte, mehr Debütanten bedeuten größere Leistungsunterschiede. Das Ergebnis ist eine Vorrunde voller Bestmarken und Kuriositäten, angeführt von einem Torhüter, mit dem vor dem Turnier niemand gerechnet hatte.
Rooms Abend von Kansas City: 15 oder 16 Paraden, je nach Zählweise ein Rekord
Die Geschichte von Eloy Room beginnt mit einer Demütigung. Beim 1:7 gegen Deutschland kassierte Curaçaos 37-jähriger Schlussmann sieben Gegentore, eine Woche später schrieb derselbe Mann WM-Geschichte. Beim 0:0 gegen Ecuador parierte der Keeper des US-Zweitligisten Miami FC alles, was auf sein Tor kam, und entwertete laut kicker einen gegnerischen xGoals-Wert von 3,05 im Alleingang. Die FIFA kürte ihn zum Spieler des Spiels, Curaçao holte den ersten WM-Punkt seiner Geschichte.
Bei der historischen Einordnung kommt es auf die Zählweise an. Datendienstleister Opta wertete 15 Paraden, die meisten in der regulären Spielzeit eines WM-Spiels seit Beginn der Erfassung 1966. Die FIFA schrieb Room dagegen eine 16. Parade für eine abgefälschte Flanke gut und sieht damit den Allzeit-Rekord von Tim Howard eingestellt, der 2014 im Achtelfinale gegen Belgien auf 16 abgewehrte Bälle kam, dafür allerdings 120 Minuten inklusive Verlängerung zur Verfügung hatte. So oder so gilt: Keine Torwartleistung über 90 Minuten war je größer. Room selbst nahm es mit Humor und vermutete, Howard habe beim Zuschauen geschwitzt.
Kap Verde und Curaçao: Die kleinsten Teilnehmer schreiben die größten Geschichten
Rooms Gala steht sinnbildlich für den Außenseiter-Faktor dieser WM. Curaçao, mit rund 156.000 Einwohnern der kleinste Teilnehmer der WM-Geschichte, erzielte gegen Deutschland zudem das erste WM-Tor seiner Historie. Das Projekt hinter dem Zwergstaat trägt die Handschrift von Patrick Kluivert, der Room bereits 2015 für den Verband gewann, lange bevor eine WM-Teilnahme mehr als ein Wunschtraum war.
Noch weiter kam Kap Verde. Der WM-Debütant erreichte die K.o.-Runde mit einer Bilanz, die es so noch nicht gegeben hat: drei Unentschieden, drei Punkte, kein einziger Sieg, und trotzdem Platz zwei in der Gruppe H. Das abschließende 0:0 gegen Saudi-Arabien machte die laut Sportschau größte Sensation des Turniers perfekt. Möglich wurde sie auch durch eine Gruppenkonstellation für die Geschichtsbücher: Spanien war das einzige Team der Gruppe H, das überhaupt ein Spiel gewann, eine Konstellation, die in der WM-Historie erst dreimal vorkam. Als Belohnung wartete auf die Blauen Haie im Sechzehntelfinale Weltmeister Argentinien.
Die Null als Statement: Mexiko und Spanien dominieren die Defensivwerte
Am anderen Ende der Tabelle setzten die Turnierfavoriten ihre eigenen Marken. Von 48 Mannschaften beendeten exakt zwei die Vorrunde ohne Gegentor: Co-Gastgeber Mexiko und Europameister Spanien. Für die Spanier war es die erste WM-Gruppenphase ohne Gegentreffer überhaupt, Mexiko baute die Serie im Sechzehntelfinale gegen Ecuador sogar auf vier Zu-null-Spiele in Folge aus, was zuvor nur Italien 1990 und Brasilien 1986 zum Turnierstart gelungen war.
Die volle Punktzahl in der Gruppenphase holten neben Mexiko nur Titelverteidiger Argentinien und Topfavorit Frankreich. Bemerkenswert daran: Keiner der klassischen europäischen Schwergewichte England, Portugal oder Niederlande schaffte das Punktemaximum, und Deutschland scheiterte trotz Gruppensiegs bereits in der ersten K.o.-Runde an Paraguay. Die Vorrunden-Dominanz verteilte sich auf drei Konföderationen, auch das ein Novum mit Ansage im erweiterten Format.
Messi vorn, Yamal jüngster: Die individuellen Bestmarken der Vorrunde

Lionel Messi
Bei den Einzelspielern führt ein bekannter Name die Listen an: Lionel Messi beendete die Gruppenphase mit sechs Treffern an der Spitze der Torjägerwertung, vor einem Quartett aus Kylian Mbappé, Ousmane Dembélé, Vinicius Junior und Erling Haaland mit jeweils vier Toren. Dass der Argentinier im fünften WM-Anlauf seine torgefährlichste Vorrunde spielt, gehört zu den erstaunlichsten Fußnoten des Turniers.
Am anderen Ende der Altersskala trug sich Lamine Yamal ein. Der Spanier traf beim 4:0 gegen Saudi-Arabien nur wenige Wochen nach auskuriertem Muskelriss und wurde damit zum achtjüngsten Torschützen der WM-Geschichte, im zweiten Spiel seiner ersten Weltmeisterschaft. Bei der vergangenen WM 2022 hatte der heute 18-Jährige nach eigener Aussage noch im Klassenzimmer zugeschaut.
Warum das 48er-Format statistische Ausreißer begünstigt
Die Häufung der Extremwerte ist kein Zufall, sondern zum Teil Systemprodukt. Mehr Spiele erhöhen schlicht die Wahrscheinlichkeit seltener Ereignisse, vom Paraden-Rekord bis zum 1:7. Der höhere Anteil an Debütanten und Außenseitern vergrößert die Leistungsschere zwischen den Teams, was sowohl Kantersiege als auch heroische Abwehrschlachten wahrscheinlicher macht. Und die Qualifikationsregel, nach der acht der zwölf Gruppendritten weiterkommen, belohnt erstmals Remis-Strategien: Kap Verdes Einzug mit drei Punkten wäre in jedem früheren Format das sichere Aus gewesen.
Ob man darin eine Bereicherung oder eine Verwässerung sieht, bleibt Geschmacksfrage. Statistisch steht nach der Vorrunde jedenfalls fest: Die erste XXL-WM hat in vier Wochen mehr Geschichtsbuch-Einträge produziert als manches komplette Turnier davor. Und mit den K.o.-Runden, in denen Mexikos Zu-null-Serie, Messis Torjagd und die Außenseiter-Märchen ihre Fortsetzung suchen, dürften weitere folgen. Alle aktuellen Ergebnisse des Turniers finden sich im Live-Score-Bereich, vertiefende Analysen laufend im Magazin.






















