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Norwegen WM 2026 Chancen: Warum Haalands Wikinger auch das Viertelfinale überstehen können

Natalia Schubert
| veröffentlicht am: 08.07.26
geprüft von Sebastian Vierheim | 6 Min. Lesezeit

Erling Haaland hat Norwegen mit sieben Turniertoren ins erste WM-Viertelfinale der Landesgeschichte geschossen. Gegen England stehen die Skandinavier erneut als Außenseiter da, doch drei Faktoren sprechen dafür, dass der norwegische WM-Lauf am 11. Juli in Miami noch nicht endet.

Was Norwegen bei dieser Weltmeisterschaft abliefert, lässt sich kaum noch als Überraschung abtun. Die Mannschaft von Trainer Ståle Solbakken hat nach einer makellosen Qualifikation mit acht Siegen aus acht Spielen und 37 Toren nun auch in der K.o.-Phase der WM Zeichen gesetzt. Nach dem 2:1-Erfolg im Achtelfinale gegen Brasilien steht Norwegen zum ersten Mal überhaupt in einem WM-Viertelfinale. Zuvor hatte in der Verbandsgeschichte das Achtelfinale 1938 und 1998 die Bestmarke dargestellt, beide Male war in der Runde der letzten 16 Schluss. Dass diese Generation weiter kommt als alle vor ihr, liegt an einem Zusammenspiel aus individueller Klasse, mentalem Zugriff und einer kollektiven Energie, die das gesamte Turnier durchzieht.


Erling Haaland bei der WM 2026: Sieben Tore in vier Spielen und eine Serie ohne Beispiel

Der wichtigste Grund für Norwegens historischen Lauf trägt die Nummer 9. Erling Haaland hat in vier WM-Einsätzen sieben Tore erzielt, wurde gegen Frankreich geschont und liegt damit gleichauf mit Lionel Messi und Kylian Mbappé an der Spitze der WM-Torjägerliste. Die Verteilung seiner Treffer zeigt, wie konstant der 25-jährige Manchester-City-Stürmer bei diesem Turnier liefert: zwei Tore beim 4:1 gegen den Irak zum Auftakt, zwei weitere beim 3:2 gegen den Senegal, das entscheidende 2:1 in der 86. Minute gegen die Elfenbeinküste und zuletzt ein Doppelpack beim Sensationssieg über Brasilien.

Haalands WM-Tore im Überblick

Gegner Runde Ergebnis Haaland-Tore
Irak Gruppenphase 4:1 2 (29., 42.)
Senegal Gruppenphase 3:2 2
Elfenbeinküste Sechzehntelfinale 2:1 1 (86.)
Brasilien Achtelfinale 2:1 2 (79., 90.)

Die nackten WM-Zahlen erzählen dabei nur einen Teil der Geschichte. Haaland hat seit Oktober 2024 in 14 Pflichtspielen für Norwegen in Folge getroffen und dabei 27 Tore erzielt. In der gesamten WM-Qualifikation gelangen ihm 16 Treffer in acht Partien, doppelt so viele wie der nächstbeste europäische Torjäger in den Qualifikationsgruppen. Mit insgesamt 62 Länderspieltoren in 54 Einsätzen ist er längst Norwegens Rekordtorschütze aller Zeiten. Die Frage vor dem Viertelfinale ist nicht, ob Haaland trifft, sondern ob jemand ihn über 90 oder 120 Minuten komplett aus dem Spiel nehmen kann.


Norwegens Spezialdisziplin: Warum späte Tore in der K.o.-Phase kein Zufall sind

Norwegen FlaggeEin Muster zieht sich durch Norwegens Turnier: Entscheidende Treffer fallen spät. Im Sechzehntelfinale gegen die Elfenbeinküste lag es am Siegtor in der 86. Minute, dass die Partie nicht in die Verlängerung ging. Gegen Brasilien fiel das 1:0 durch Haaland per Kopf in der 79. Minute, das 2:0 folgte in der 90. Minute, als ein Fernschuss in die untere Ecke den fünfmaligen Weltmeister endgültig aus dem Turnier kegelte. Neymar verkürzte zwar noch per Strafstoß in der Nachspielzeit, doch die Entscheidung war da längst gefallen.

Dass Norwegen in der Schlussphase von Spielen so gefährlich ist, hat mehrere Ursachen. Die physische Stärke des Kaders gehört dazu: Mit Haaland, Alexander Sørloth und den einwechselbaren Offensivkräften wie Andreas Schjelderup und Oscar Bobb verfügt Solbakken über Optionen, die müde Abwehrreihen im letzten Spielviertel unter Druck setzen können. Gegen Brasilien war es Joker Schjelderup, der beide Haaland-Tore vorbereitete, nachdem er zur Halbzeit eingewechselt worden war. Die taktische Anpassungsfähigkeit des Trainers zeigt sich genau in solchen Momenten. Dazu kommt eine mentale Komponente: Diese Mannschaft gibt Spiele nicht verloren, egal wie sie stehen. Wer gegen den Senegal 3:2 gewinnt, gegen die Elfenbeinküste in der 86. Minute zuschlägt und gegen Brasilien nach 78 torlosen Minuten zwei Treffer nachlegt, hat ein Selbstverständnis entwickelt, das über normales Turnier-Selbstvertrauen hinausgeht.


Nyland, Ødegaard und das Ruder-Ritual: Wie der Teamgeist Norwegens Defensive trägt

Die Erzählung dieser WM gehört nicht Haaland allein. Torhüter Ørjan Nyland lieferte gegen Brasilien eine Leistung, die sich als eine der besten Torwart-Vorstellungen des gesamten Turniers einreihen dürfte. Er parierte in der ersten Halbzeit den Elfmeter von Bruno Guimarães, vereitelte Großchancen von Vinícius Júnior und Endrick und verhinderte kurz nach dem 1:0 einen Eigentreffer von Kristoffer Ajer mit einer akrobatischen Rettungstat. Haaland selbst stellte nach dem Spiel klar, dass nicht er, sondern Nyland der entscheidende Mann gewesen sei.

Im Mittelfeld orchestriert Kapitän Martin Ødegaard das Spiel mit einer Übersicht und Passgenauigkeit, die auch in der Premier League ihresgleichen sucht. In der Qualifikation legte er die meisten Tore im gesamten Team vor, und bei der WM hat er in drei aufeinanderfolgenden Spielen eine Vorlage beigesteuert. Abseits der individuellen Leistungen hat die Mannschaft ein kollektives Auftreten entwickelt, das bei jedem Spiel sichtbar wird. Das mittlerweile ikonische Ruder-Ritual nach Siegen, bei dem sich Spieler und Fans gemeinsam im Takt bewegen, ist mehr als eine nette Geste. Es steht symbolisch für den Zusammenhalt einer Mannschaft, die bei ihrem ersten großen Turnier seit 28 Jahren Geschichte schreibt und dabei sichtbar jeden Moment genießt.


Warum England im Viertelfinale am 11. Juli in Miami der bislang härteste Gegner ist

EnglandSo stark die Argumente für Norwegen sind, so klar ist auch: England wird der bislang schwerste Prüfstein. Die Three Lions besiegten im Achtelfinale Co-Gastgeber Mexiko im ausverkauften Aztekenstadion mit 3:2 und spielten dabei die zweite Halbzeit nach einer Roten Karte in Unterzahl. Jude Bellingham glänzte mit einem Doppelpack, Harry Kane verwandelte einen Elfmeter unter ohrenbetäubendem Pfeifkonzert. England verfügt über die individuell am breitesten aufgestellte Mannschaft im restlichen Turnierraster.

Die Wettquoten spiegeln die Rollenverteilung wider. England wird mit Quoten um 1,95 als Favorit nach 90 Minuten gehandelt, Norwegens Sieg steht bei rund 3,80. Für das reine Weiterkommen wird England bei circa 1,51 notiert, was einer implizierten Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent entspricht. Norwegen liegt bei 2,55 auf das Weiterkommen, was den Skandinaviern rund 39 Prozent Erfolgsaussicht zuschreibt. Die Bookmaker sehen England also deutlich vorn, räumen Norwegen aber eine realistische Außenseiterchance ein.

Aus norwegischer Sicht gibt es allerdings gute Gründe, warum diese Außenseiterrolle trügen kann. Die englische Defensive hat in diesem Turnier gewackelt: Gegen Mexiko kassierten die Three Lions zwei Gegentore, und die Abwehr um John Stones und Marc Guéhi wirkte in Übergangsmomenten anfällig. Haaland, der in der Premier League regelmäßig gegen genau diese Verteidiger spielt, kennt ihre Schwächen besser als jeder andere Stürmer im Turnier. Dazu kommt der Klimafaktor: Bei Nachmittagstemperaturen von 32 Grad und der typischen Schwüle Floridas im Juli könnte Norwegens Fähigkeit, Spiele spät zu entscheiden, zum entscheidenden Vorteil werden.


Norwegens Weg ins WM-Finale 2026: Was die Quoten über einen möglichen Sensationslauf verraten

Ein Blick auf den Turnierplan zeigt, was nach einem möglichen Erfolg gegen England warten würde. Im Halbfinale stünde der Sieger aus Argentinien gegen die Schweiz als Gegner. Auf der anderen Seite des Turnierbaums treffen zunächst Frankreich auf Marokko und Spanien auf Belgien aufeinander. Ein norwegisches WM-Finale am 19. Juli im MetLife Stadium von East Rutherford wäre die mit Abstand größte Sensation in der Geschichte des norwegischen Fußballs.

Die Quoten auf einen norwegischen WM-Titel bewegen sich je nach Anbieter um die 15.0 herum, was einer implizierten Wahrscheinlichkeit von knapp sieben Prozent entspricht. Zum Vergleich: Vor Turnierbeginn lag dieser Wert noch bei deutlich über 100.0. Die Verschiebung zeigt, wie ernst der Markt Norwegens Lauf inzwischen nimmt. Für den Einzug ins Halbfinale werden Quoten um 2,50 angeboten, ein mögliches Finale hat Quoten von rund 5,50.

Die nüchterne Analyse ergibt: Norwegen ist nicht Favorit auf den Titel und muss auch im Viertelfinale gegen England über sich hinauswachsen. Doch genau das hat diese Mannschaft bei jedem K.o.-Spiel dieses Turniers getan. Mit einem Stürmer, der in einer historischen Torjägerform agiert, einem Torhüter in Bestform und einer Mannschaft, die ihre größten Momente in den letzten Minuten eines Spiels hat, kann Norwegen jeden Gegner bei dieser WM schlagen. Es wäre nicht die erste Sensation, aber es wäre mit Abstand die größte. Der Fußball hat in Norwegen seit diesem Sommer ein neues Kapitel, und es ist noch nicht fertig geschrieben.

Glücksspiel kann süchtig machen. Sportwetten sind erst ab 18 Jahren erlaubt; eingesetzt werden sollte nur Geld, dessen Verlust verkraftbar ist. Hilfe und Informationen zum verantwortungsvollen Spielen: Spielerschutz.
Natalia Schubert - Sportjournalistin |
Natalia Schubert Natalia Schubert ist Fußballanalystin und Sportjournalistin mit über zwölf Jahren Erfahrung in der datenbasierten Spielanalyse. Sie studierte Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln und arbeitet mit professionellen Analyseplattformen wie Wyscout, InStat und Opta. Bei wetttippsheute.net verantwortet sie taktische Spielvorschauen, Hintergrundanalysen und die statistische Einordnung von Partien aus der Bundesliga, Champions League und weiteren internationalen Wettbewerben. Pro Saison verfolgt und analysiert sie über 300 Spiele.
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